Zur Umsetzung evidenzbasierter Medizin in der Präklinik am Beispiel der Versorgung des akuten Koronarsyndroms

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen stellte in seinem Gutachten „Bedarfsgerechte Steuerung der Gesundheitsversorgung“ vom 4. Juli 2018 fest, dass Informationsgrundlagen für klinische Gesundheitsentscheidungen Zusammenhang evidenzbasiert sein müssen (Bundestag, 2018, S. 455). Bei dem Wort Evidenz handelt es sich um ein wissenschaftliches Verfahren, dass es sich zum Ziel setzt, das bestmögliche Verhalten in Zusammenhang mit medizinischen Maßnahmen zu identifizieren und anhand von Forschungsergebnissen zu begründen. So wird seit geraumer Zeit in der Notfallmedizin wie auch in vielen anderen Gesundheitsfachberufen, die Forderung nach einer evidenzbasierten Notfallmedizin (EBNM) laut.

Studien haben gezeigt, dass das nicht-ärztliche Rettungsdienstpersonal positiv gegenüber der Anwendung einer EBNM in der Berufspraxis eingestellt ist. Ferner lassen sich in den berufsrechtlichen Bestimmungen (bspw. NotSanG) bzw. in den landesrechtlichen Regelungen (Bbg. RettG) Hinweise auf Forderungen nach einer EBNM finden.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist die Ermittlung eines Ist-Standes der Umsetzung evidenzbasierter Vorgaben.

Es handelt sich um eine retrospektive Datenauswertung von Einsatzprotokollen in einem brandenburgischen Landkreis. Von insgesamt N = 23487 Einsätzen im Jahr 2017 wurden nach Ausschluss vorab festgelegter Kriterien n = 216 Einsätze ausgewertet. Hierbei wurden durchgeführte Maßnahmen im Rahmen der Versorgung des Akuten Koronarsyndroms (ACS) mit evidenzbasierten Vorgaben aus der S3 Leitlinie ACS und der Standard Operating Procedure (SOP) des Landes Brandenburg abgeglichen. Die empfohlenen Maßnahmen wurden in einer Checkliste zusammengefasst, anhand derer die Einsätze ausgewertet wurden:

KategorieInhalte
Diagnostische MaßnahmenBlutdruckmessungMessung der SauerstoffsättigungErhebung der Numerischen Rating SkalaAbleitung und Interpretation eines 12-Kanal-EKG
Therapeutische MaßnahmenOberkörperhochlagerungSauerstoffgabeMedikation
EinsatzergebnisWahl der Zielklinik (Mit oder Ohne Herzkatheterlabor)

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass diagnostische Vorgaben ebenso wie basistherapeutische Vorgaben überwiegend umgesetzt werden. Vorgaben zur Medikation werden nur zu geringem Maße umgesetzt. In einem begleitend durchgeführten Experteninterview gibt der Ärztliche Leiter Rettungsdienst Dr. med. Frank Mieck zu bedenken, dass es sich hier auch um Dokumentationsmängel handeln könnte. Darüber hinaus könnten bestätige Differenzialdiagnosen, erfüllte Kontraindikationen oder durch Patienten abgelehnte Therapien Gründe dafür sein, dass nicht immer gemäß der Leitlinie gehandelt werden konnte. Weiß stellte dazu fest, dass medizinisches Personal in einer Gesamtschau beurteilen soll, wie relevant wissenschaftliche Erkenntnisse für seine Patienten sind (Weiß 2008, S. 27). Eine wichtige Grundlage für die Umsetzung von evidenzbasierter Erkenntnissen sind fundierte Weiterbildungen, die von ärztlichem Personal unterstützt wird. EBNM stellt eine wichtige Grundlage zur weiteren Ausdifferenzierung aller Gesundheitsberufe hinsichtlich einer Professionalisierung dar. In diesem Zusammenhang stellt sich besonderer Bedarf dahin gehend dar, fünf Jahre nach Inkrafttreten des Notfallsanitätergesetzes einen Zwischenabgleich anzufertigen, indem geprüft wird, ob durch die Kompetenzerweiterung der Notfallsanitäter eine Qualitätssteigerung der Notfallmedizin erreicht wurde. Somit kann Lücke von bisher undefinierten beruflichen Handlungsfeldern geschlossen werden und der Professionalisierungsprozess der nicht-ärztlichen Rettungsdienstmitarbeiter vorangeführt werden. Künftige Studien sollten das methodische Vorgehen hinsichtlich einer bundesweiten Erhebung sowie der Untersuchung anderer Notfallbilder erweitern.

Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung …1
1.1 Hintergrund und Forschungsstand …2
1.1.1 Profession und Professionalisierung …2
1.1.1 Evidenzbasierte Notfallmedizin …3
1.1.2 Rechtlicher Rahmen einer evidenzbasierten Notfallmedizin …6
1.1.2.1 Rechtlicher Rahmen in Brandenburg …8
1.1.3 Von der Leitlinie zur Verfahrensanweisung …10
1.1.4 Das akute Koronarsyndrom …13
1.1.4.1 Präklinische Therapie gemäß der S3 Leitlinie …15
1.1.4.2 Präklinische Therapie gemäß der SOP des Landes Brandenburg …18
1.2 Zielstellung der Arbeit …23
2. Methodik …23
2.1 Forschungsdesign …23
2.2 Methodisches Vorgehen …24
2.3 Experteninterview …26
3 Ergebnisse …29
3.1 Diagnostische Maßnahmen …29
3.2 Therapeutische Maßnahmen …31
3.3 Einsatzergebnis …32
3.4 Ergebnis des Experteninterviews …33
4 Diskussion …34
4.1 Zusammenfassung der eigenen Ergebnisse …34
4.2 Vergleich der Ergebnisse mit dem theoretischen Hintergrund …35
4.3 Limitation …41
4.4 Implikation für das Forschungsgebiet …42
5 Literaturverzeichnis …44
6 Anhang …47
Literatur
AG Qualitätssicherung im Rettungsdienst (kein Datum) www.laekb.de. Abgerufen am 17. Dezember 2018 von https://www.laekb.de/files/14689EFFB0B/SOP_Land_Brandenburg_2018.pdf.

ÄLRD Brandenburg (1. März 2017) Handlungsalgorithmen für die Notfallsanitäter/innen. Brandenburg, Deutschland.

Bogner A, Menz W (2002) Das Experteninterview. Wiesbaden: Springer.

Brokmann J, Beckers S, Skorning M, Wölfl C, Sopka S, Rossaint R (2008) Evidenzbasierte Medizin in der notfallmedizinischer Fort – und Weiterbildung. Notfall + Rettungsmedizin: 360-365.

Bundesamt für Statistik (2018) www.destatis.de. Abgerufen am 8. Juli 2018 von https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Gesundheit/Gesundheitspersonal/Gesundheitspersonal.html.

Bundestag (2018) www.bundestag.de. Abgerufen am 27. Juli 2018 von http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/19/031/1903180.pdf.

Bundesverband Ärztlicher Leiter Rettungsdienst (15. Februar 2014) www.dbrd.de. Abgerufen am 17. Juni 2018 von http://www.dbrd.de/images/aktuelles/2014/Anlage_1_-_Bericht_und_Bewertung_der_Sitzungen_bis_06.2.2014.pdf.

Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin (30. Dezember 2011) www.ebm-netzwerk.de. Abgerufen am 29. Mai 2016 von http://www.ebm-netzwerk.de/was-ist-ebm/grundbegriffe/definitionen/.

Dirks W (2008) Evidenzbasierte Medizin in der Notfallmedizin. Notfall + Rettungsmedizin: 6-11.

Dudenredaktion (Hrsg.) (2001) Duden. Das Fremdwörterbuch. 5. Ausg. Mannheim: Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG.

Günther A, Harding U, Gietzelt M, Gradaus F, Tute E, Fischer M (2015) Ein städtischer Rettungsdienstbereich am Beginn eines sektorenübergreifenden Qualitätsmanagementsystems: Eine priorisierte Umsetzung der ERC Empfehlungen von 2010 und das Langzeitüberleben nach Herzkreislaufstillstand. Zeitschrift für Evidenz, Fortbildung und Qualität im Gesundheitswesen (109): 714-724.

Herold G (2018) Innere Medizin. Köln.

Hinkelbein J (2018) Leitlinien-Standards-Empfehlungen. Notfall + Rettungsmedizin: 2.

Innenministerium Land Brandenburg (14. Juli 2008) www.bravors.brandenburg.de. Abgerufen am 28. März 2016 von https://bravors.brandenburg.de/de/gesetze-212320.

Koch S, Weber A (Juli 2016) Zur Intention eines akademischen Studienganges zum Notfallsanitäter. Notfall + Rettungsmedizin: 1-3.

Koch S, Drache D, Frenzel J, Männling W, Seeger S, Thomas M et al. (2018) Einstellung nicht ärztlicher Mitarbeiter zu einer evidenzbasierten Notfallmedizin. Notfall + Rettungsmedizin: 496–504.

Köpke S, Koch F, Behncke A, Balzer K (2013) Einstellung Pflegender in deutschen Krankenhäusern zu einer evidenzbasierten Pflegepraxis. Pflege: 163-175.

Körner J (2015) Psychotherapeutische Kompetenzen. Ein Praxismodell zu Kompetenzprofilen in der Aus- und Weiterbildung. Wiesbaden: Springer.

Kreimeier U, Dirks B, Wenzel V (2008) Evidenzbasierte Notfallmedizin: Perspektiven. Notfall + Rettungsmedizin: 18-24.

Kuckartz U, Dresing T, Rädiker S, Stefer C (2008) Qualitative Evaluation: Der Einstieg in die Praxis. Wiesbaden: GWV Fachverlage GmbH.

Kühlein T, Forster J (2007) Welche Evidenz braucht der Arzt? In Kunz R,
Ollenschläger G, Raspe H,Jonitz G, Donner-Banzhoff N (Hrsg.) Lehrbuch Evidenzbasierte Medizin in Klinik und Praxis. Köln: Deutscher Ärzte Verlag, S. 39-51.

Leick J, Vollert J, Möckel M, Radke P (2011) Standard operating procedures zur Umsetzung bei Patienten mit Brustschmerzen. Der Kardiologe: 443-457.

Meuser M, Nagel U (2009) Das Experteninterview – konzeptionelle Grundlagen und methodische Anlage. In Lauth H-J (Hrsg.) Methoden der vergleichenden Politik- und Sozialwissenschaft. Eine Einführung. Wiesbaden: GWV Fachverlag, S. 465-479.

Meyer G (2015) Ein evidenzbasiertes Gesundheitssystem: Die Rolle der Gesundheitsberufe. Zeitschrift für Evidenz, Fortbildung und Qualität im Gesundheitswesen: 378—383.

Moers S, Schäfer A (2017) Externe Evidenz. In Diemer F, Lowak H, Sutor V (Hrsg.) Leitfaden Physiotherapie in der Orthopädie und Traumatologie. München: Elsevier, S. 43-51.

Muche-Borowski C, Kopp I. (2011) Wie eine Leitlinie entsteht. Zeitschrift für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie: 217-222.

Nikolaou N, Arntz H, Bellou A, Beygu F, Bossaert L, Cariou A (2015) Das initiale Management des akuten Koronarsyndroms. Notfall + Rettungsmedizin: 984-1002.

Riessen R, Gries A, Seekamp A et al. (2015) Positionspapier für eine medizinische Notfallversorgung in deutschen Notaufnahmen. Medizinische Klinik – Intensivmedizin und Notfallmedizin: 364–375.

Robert-Koch-Institut, Destatis (2015) Gesundheit in Deutschland. Berlin.
Sackett D, Rosenberg W, Gray J, Haynes R, Richardson W (1997) Was ist Evidenz-basierte Medizin und was nicht? Münchner Medizinische Wochenschrift: 644-645.

Schiechtl B, Böttiger B, Spöhr F (2008) Evidenzbasierte Notfallmedizin – Status quo. Notfall + Rettungsmedizin: 12-17.

Thole H, Thalau F, Ollenschläger G, Kopp I, Lelgemann M (2007) Kritische Bewertung von Leitlinien. In Kunz R, Ollenschläger G, Raspe H, Jonitz G, Donner-Banzhoff N (Hrsg.) Lehrbuch EBM. Köln: Deutscher Ärzte Verlag, S. 177-190.

Weiß C (2008) Die Bedeutung klinischer Studien in der Notfallmedizin. Notfall + Rettungsmedizin: 25-27.

Wuttke M, Koch S (2017) Forschung in der Praxis: Wie werden Forschungsergebnisse in der Notfallrettung umgesetzt. RETTUNGSDIENST: 48-52.

Lese- und Kaufoptionen

Freier Zugang

Wenn Sie im Hochschulnetz (z.B. VPN) einer beteiligten Hochschule angemeldet sind, haben Sie freien Zugang zu allen Forschungsarbeiten auf der rettungsdienst-forschung.de. Zum Netzwerk gehören:

  • Akkon Hochschule Berlin
  • Fliedner Fachhochschule Düsseldorf
  • Medical School Hamburg (MSH)  
  • SRH Hochschule für Gesundheit Gera.

Sie haben keine Rechte zum Download.

Sind Sie Autor*in auf Rettungsdienst Forschung, dann melden Sie sich bitte an.
Sind Sie Angehörige*r einer beteiligten Hochschule, dann melden Sie sich bitte beim VPN-Netz der Hochschule an.


Kaufoptionen

Ansonsten bieten wir Ihnen die folgenden Möglichkeiten, auf die Abschlussarbeit zuzugreifen:

  • Erwerben Sie die Originalarbeit als PDF-Datei.
  • Erwerben Sie die Originalarbeit als Book on Demand.

Hier können Sie die Arbeit kaufen.